25. August 2016

Rabbinerin Antje Deusel.

© Christian Grau

Im liberalen Judentum werden auch Frauen Rabbinerin und tragen eine Kippa im Gottesdienst.

Die erste Rabbinerin war Regina Jonas (1902 Berlin – 1944 Auschwitz). Sie studierte an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und reichte dort 1930 eine halachische (religionsgesetzliche) Abschlussarbeit ein. Das Thema: Kann die Frau
das rabbinische Amt bekleiden? Die Antwort: Ja.

Allerdings hatte die Frage, ob Frauen eine Kippa tragen dürfen, für Jonas keine Priorität. Denn die Kippa ist kein Gesetz, sondern nur ein minhag (Brauch). Der Talmud beschreibt sogar Rituale, die Priester mit explizit bloßem Haupt ausführten. (Joma 25a)

Woher kommt der Brauch der männlichen Kopfbedeckung? Im Römischen Reich war es das Privileg freier Männer, einschränkungslos ihr Haupt zu zeigen. Knechte und verheiratete Frauen hingegen mussten ihren Kopf bedecken, um auf diese Weise Demut zu zeigen. Die Kippa spielt auf diese Demutssymbolik an. Jüdische Männer wiesen sich mit einer Kopfbedeckung als „Diener Gottes“ aus – gemäß dem im Talmud überlieferten Rat einer Mutter: „Bedecke deinen Kopf, so dass Ehrfurcht vor Gott über dir sei.“ (Schabbat 156b) Das entsprach zugleich dem in Babylonien üblichen Brauch für Schüler, in Anwesenheit ihrer Lehrer respektvoll den Kopf zu bedecken.

Im arabischen Reich übernahm man die babylonischen Gepflogenheiten. In Aschkenas, d.h. in Frankreich, Deutschland und Italien war es hingegen lange üblich, ohne Kopfbedeckung zu beten. Noch im 16. Jahrhundert stritt Moses Isserles im Schulchan Aruch für dieses Recht. (Orach Chajim 282,3)

Mit dem Reformjudentum stellte sich im 19. Jahrhundert die Kippa-Frage neu. In Europa ließ sich ihre geforderte Abschaffung nicht durchsetzen. In den USA hingegen ist es in vielen reformjüdischen Gemeinden bis heute normal, wenn Männer keine Kippa tragen. Zunehmend kehrt sie jedoch zurück – aus Traditionsbewusstsein, dabei zugleich aber auch als Zeichen der Gleichberechtigung der Frau. Seit den 1970er Jahren, als am Hebrew Union College in Cincinatti mit Sally Priesand die zweite Rabbinerin ordiniert wurde, gehören Frauen-Kippot und -Tallitot (Gebetsschals) zum Erscheinungsbild liberaljüdischer Gottesdienste. Mit ihnen zogen neue Farben und Stile in die Gebetskleidung.

Mittlerweile sind von gut 4.000 liberalen Rabbinern weltweit etwa 1.000 Rabbinerinnen. Unlängst wurde am Leo Baeck College, der liberalen Rabbiner-Ausbildungsstätte in London, Rabbinerin Deborah Kahn-Harris zur Rektorin gewählt. In Deutschland hat die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) 21 Mitglieder – darunter sind vier Rabbinerinnen. Tendenz steigend.

Von Rabbinerin Elisa Klapheck