11. Januar 2016

Der Förderverein Jüdisches Museum Franken sucht Nachwuchs!

©JMF

Das Jüdische Museum Franken wächst und wächst – kürzlich eröffneten wir das Laubhüttenmuseum in Schwabach und nun ist der Erweiterungsbau voll im Gange. Wir wollen weiterhin auf Erfolgskurs bleiben und in Zukunft viele Projekte und neue Veranstaltungen umsetzen. Deshalb suchen wir Nachwuchs für unseren Förderverein Jüdisches Museum Franken e.V.

Wer hilft uns dabei, Zeugnisse jüdischer Geschichte und Kultur zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln? Es lohnt sich allemal – jedes Mitgleid erhält u.a. freien Museumseintritt, darf bei Ausstellungseröffnungen mit dabei sein und an Exkursionen zu Orten jüdischer Kultur und Geschichte teilnehmen.

Detaillierte Infos zum Förderverein gibt es hier. Und nun als kleinen Vorgeschmack der Bericht der letzten Exkursion:

 

Exkursion nach Pilsen

Die ausgebuchte Exkursion nach Pilsen führte uns über die ehemals sog. „Goldene Straße“. Diese Verbindung war schon im Mittelalter eine der wichtigen Handelsstraßen, die Prag mit Nürnberg/Fürth verband und auf der im Abstand von Tagesreisen städtische Siedlungen entstanden.

Der Förderverein Jüdisches Museum Franken sucht Nachwuchs!Da Juden hauptsächlich als Händler und Geldverleiher tätig waren, mussten sie viel unterwegs sein – an ihren Zwischenstationen wie z.B. Pilsen entstanden jüdische Gemeinden.

Herr Vaclav Vrbik führte uns als engagierter Kenner der Historie seiner Heimatstadt in einem Rundgang durch die Altstadt die Hauptstadt. Die Geschichte der Juden an geeigneten Standorten mit der allgemeinen Stadthistorie zu verknüpfen, war für ihn ein Leichtes. Dabei konnten wir – sozusagen nebenbei – auch noch einige Highlights der Europäischen Kulturhauptstadt 2015 erleben.

Die Architektur Pilsens

Die Struktur des heutigen Pilsen entstand nach der Stadtgründung durch König Wenzel II im Jahr 1295. Rasch wurde damals eine gotische Stadt aufgebaut, deren Schachbrett-Grundriss bis heute die Stadtmitte prägt. Das Erscheinungsbild hat sich allerdings infolge von Stadtbränden verändert; nach den letzten großen Bränden im frühen 16. Jh. erfolgte der Aufbau vielfach durch italienische Baumeister im Renaissancestil, der bis heute viele Fassadenfronten dominiert. Eindrucksvoll ist der Platz der Republik, der zentrale Platz und zugleich der größte Stadtplatz Böhmens, mit einem Nebeneinander unterschiedlicher Architekturstile. In der Mitte des Stadtplatzes steht die frühgotische Pfarrkirche St. Bartholomäus mit ihrem 103 m hohen Kirchturm, der – wie praktisch – von alters her als militärischer Ausguck diente.

Bier, Skoda und Synagogen

Durch die stürmische Industrialisierung im 19. Jh. wurde die Stadt zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Region: Das Bier machte als Pilsener Urquell die Stadt weltbekannt, Emil Skoda baute einen heute weltweit operierenden Stahlkonzern auf, schon 1832 wurde das erste stattliche Theater eröffnet, und im Abstand von nur 40 Jahren wurden zwei Synagogen errichtet.

Der Förderverein Jüdisches Museum Franken sucht Nachwuchs!Die jüdische Geschichte Pilsens

Die früheste jüdische Besiedlung ist für 1338 datiert. Im 15. Jh. gab es immerhin 10 Häuser mit jüdischen (meist großen) Familien und für 1409 ist eine frühe Synagoge belegt. Bis 1504 wuchs die Gemeinde zur zweitgrößten (nach Prag) in Böhmen und Mähren. In den nachfolgenden Jahren wurden die Juden „für ewig und immer“ aus der Stadt vertrieben und die jüdische Kultur ging für Jahrhunderte unter. Erst mit der Wende zum 19. Jh. siedelten zunächst nur wenige jüdische Familien in Pilsen. Die Revolution von 1848/49 brachte den Juden innerhalb der Habsburger Monarchie die Gleichberechtigung und ihre Gemeinde wuchs in kurzer Zeit – sicher befördert durch die rasche Industrialisierung – stark an (1854: 250, 1889: 2250, 1910: 3490 Personen). In diesen Blütejahren wurden eine Synagoge (1857/59), eine Schule, ein ritueller Schlachthof gebaut und ein Friedhof angelegt.

Angesichts der so stark wachsenden Gemeinde wurde eine weitere, um ein Vielfaches größere Synagoge geplant und schließlich – in einer gewaltigen finanziellen Kraftanstrengung für die Gemeinde und gut vierjähriger Bauzeit – 1893 fertiggestellt. Deren Baugeschichte ist typisch für solche großen Bauwerke in europäischen Städten: Der erste Entwurf eines Wiener Architekten sah den vorhandenen katholischen Kirchen zu ähnlich und hatte viel zu hohe Türme; erst eine reduzierte Planung mit kürzeren Türmen und neoromanischen wie maurischen Gestaltungselementen wurde vom Stadtrat akzeptiert. Das Ergebnis war trotzdem ein das Stadtbild prägender Bau der Superlative. Bei unserem Rundgang mit Herrn Vrbik standen wir plötzlich vor diesem eindrucksvollen Bauwerk.

Was übrig blieb

Der Förderverein Jüdisches Museum Franken sucht Nachwuchs!Im Jahr 1938 lebten in Pilsen etwa 3200 Juden bei einer Einwohnerzahl von 125000. Im Januar 1942 wurden 3000 in drei großen Transporten nach Terezin (Theresienstadt) und in andere Konzentrationslager verschleppt. Jüdisches Leben und Kultur waren wieder einmal vernichtet.

Im Mai 1945 wurde zwar eine Gemeinde von Rückkehrern und displaced persons gebildet, aber in den Folgejahren gingen viele Familien in die USA oder nach Israel. Eine weitere Emigrationswelle schmälerte die Gemeinde nach den Ereignissen von 1968. Heute hat die Gemeinde 20 bis 30 aktive Mitglieder, etwa weitere 70 Bürger sind jüdischer Abstammung. Ein eigenes Rabbinat existiert nicht mehr. Neben der Alten Synagoge liegen Steine mit Namen auf den Grundmauern einer Vorgängersynagoge in Erinnerung an tausende Opfer des Holocaust.

Große und Alte Synagoge

Die beiden Synagogen besichtigten wir unter sachkundiger Führung einer Kulturhistorikerin der Kultusgemeinde. In der Großen Synagoge fand der letzte Gottesdienst 1973 statt; danach verfiel das Gebäude zusehends.
Nach der Wende 1989 wollten die Pilsener Juden eine gründliche Renovierung initiieren – ein Spendenaufruf an jüdische Gemeinden in aller Welt hatte aber nur geringe Resonanz. Erst mit Subventionen des tschechischen Kulturministeriums ab 1995 konnte renoviert werden.

Die Wiedereinweihung war im Februar 1998; seitdem findet regelmäßig Gottesdienst statt in einem kleineren und beheizbaren Bereich, der sog. Wintersynagoge. Dort sind noch originale Wandmalereien aus dem 19. Jh. erhalten. In der Alten Synagoge, die in der Größe einigen Synagogen in Franken entspricht, aber viel reicher ausgestattet ist, beeindruckte uns auch eine liebevoll gestaltete Ausstellung auf der Empore, in der die Geschichte der Pilsener Juden – leider nur auf Tschechisch – erzählt wird.

Exkursion des Fördervereins Jüdisches Museum Franken e.V.Die Diskrepanz zwischen imposantem Bauwerk als Zeugnis einstiger Bedeutung und heutiger kleiner Gemeinde macht sehr nachdenklich. Die Große Synagoge ist zweifellos ein Touristenmagnet. Aber auch die kleine Gemeinde, die Unterhalt und Betrieb eines viel zu großen Hauses schultern muss, ist zu bewundern.
Der Besuch lohnt unbedingt, vermittelt er doch Eindrücke von einem imposanten Zeugnis aus der Blütezeit europäischen Judentums.

 

Austausch

Auf halber Strecke der Rückfahrt machten wir Rast in Vohenstrauss, wurden im Gasthof Schübladl bestens versorgt und nutzten die Zeit, Eindrücke und Bewertungen auszutauschen. Dabei wurde auch angesprochen, dass bei den Recherchen zur Vorbereitung und den Besichtigungen vor Ort manche Frage an die jüdische Geschichte in Pilsen offen blieb. Es wäre zu wünschen, dass die Stadt der Geschichte ihres jüdischen Lebens nicht nur auf Tschechisch, sondern auch in anderen Sprachen, in Ausstellungen, im Internet und mit Broschüren mehr Aufmerksamkeit widmet.

(Es berichtete Dieter Lölhöffel aus dem Vorstand des Fördervereins Jüdisches Museum Franken e.V.)